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PROvokativpädagogik – ein Ausweg aus der Bildungs-Sackgasse

Interview mit Prof.in Dr.in Rotraud A. Perner


Frage:
Frau Prof. Perner – sie gelten als Gegnerin des von Beamtenministerin Heinisch-Hosek angekündigten verstärkten Einsatzes von Psycholog/innen und Sozialarbeiter/innen im Schulbetrieb – haben aber selbst einmal vor Jahren so etwas angeregt?


Rotraud A. Perner:
Da muss ich etwas richtig stellen: ich bin sehr wohl dafür, dass Schulpsycholog/innen bei Lernschwierigkeiten fachkundig Hilfestellung leisten und Sozialarbeiter/innen bei Problemen in der Familie, die Kinder belasten oder benachteiligen, ihre Möglichkeiten aus ihrer Dienstleistungspalette anbieten. Wogegen ich bin, ist, die Mängel der Lehrausbildung auf "Rumpelstilzchen" aus Psychologie und Sozialarbeit zu verschieben. Die sind nämlich nicht in der Methodik ausgebildet, wie man die neuen schwierigen Unterrichtssituationen – oder auch Stress-Situationen mit Eltern, Kollegenschaft, Vorgesetzten, Medienvertretern etc. – korrekt und effizient bewältigt.

Das erfordert eine eigene Ausbildung. Ich habe in meiner Zeit als Univ. Prof.in an der Donau Universität Krems das Masterstudium PROvokativpädagogik konzipiert und in 3 Lehrgängen genau diese Methodik vermittelt. Leider wurde nach meinem Pensionsantritt 2009 das Studium von den nunmehr Verantwortlichen total verändert – heißt ja jetzt auch Provokationspädagogik und soll dem Unterricht von Migrant/innen dienen – sodass weder vom Inhalt noch von den kompetenten Unterrichtenden viel übrig geblieben ist.

Ich habe PRO nämlich deswegen groß geschrieben, weil es eine prosoziale Kommunikationskompetenz vermittelt: So wie Pianisten mit rechts die Melodie und mit links Rhythmus und Grundmotive spielen, soll die Lehrkraft mit "rechts" die Wissensinhalte vermitteln, jedoch mit "links" die psychosoziale Akutsituation meistern. Das kann man nach meiner Methode in 2 Jahren berufsbegleitend lernen.

Frage:
Aber sollte diese Methode dann nicht an den Pädagogischen Hochschulen in der Grundausbildung gelehrt werden?


Rotraud A. Perner:
Sie sollte auf die weiterführenden Qualifikationen von Lehrkräften angerechnet werden – aber ihre Erlernung sollte auch all denen zur Verfügung stehen, die psychosoziale Akutsituationen zu bewältigen haben. Workplace Violence nimmt zu – denken wir nur an die Schussattentate eben nicht nur im schulischen Bereich sondern auch auf Vorgesetzte in Firmen, Beamte in Justiz und Verwaltung, Bürgermeister ... Personen im Kundendienst sowieso etc.

Überhaupt finde ich als Pädagogikprofessorin – ich habe ja auch jahrelang am Zentrum für die schulpraktische Ausbildung der Universität Wien unterrichtet – die Aufschulungsvorhaben für Lehrkräfte zum Bachelor bzw. Master als reines Machtansichziehen von Universitäten und solchen Fachhochschulen, deren Rektoren diesen Status begehren. Klar – es hat schon was für sich, für alle pädagogischen Einsatzfelder qualifiziert zu sein: Es ermöglicht selbstbestimmte Wechsel – es ermöglicht aber auch oktroyierte Versetzungen.

Lehrkräfte gehören nach der Ärzteschaft zu den am meisten Burnout-gefährdeten Berufsgruppen. Auch wenn Beamtenministerin Heinisch-Hosek gerne betont, dass sie ja selbst Lehrerin war – sie vergisst, dass die Schülerschaft heute nicht mehr die von vor 25 Jahren ist. Und die medial immer wieder zitierten "Bildungsexperten" – etwa der Unternehmensberater Salcher, der Verwaltungsjurist Schilcher oder der Großindustrielle Androsch – sollten einmal 14 Tage en suite ohne Promibonus im Polytechnischen Lehrgang am Viktor-Adler-Markt in Favoriten co-unterrichten, als Intellektuelle werden sie ja fähig sein, sich mit entsprechenden Briefings die Basis der jeweiligen Fächer kurzfristig zu erarbeiten. Immerhin müssen heute ja auch eine Vielzahl von Lehrkräften nicht nur supplieren, sondern auch Fächer unterrichten, für die sie nicht ausgebildet und geprüft sind. Mir haben in einem Seminar im heurigen Frühjahr Lehrkräfte geklagt, dass sie kein freies Wochenende mehr hätten, weil sie ja die Lehrstoffe erarbeiten müssten, für die sie keine Lizenz besäßen.

Ich denke, der richtige Weg wäre ein partnerschaftliches Teilen von Modulen zwischen Universitäten und Fachhochschulen: Universitäten hatten immer den Auftrag der "wissenschaftlichen Berufsvorbereitung", daher sollten sie die theoretischen Grundlagen vermitteln. Ich habe selbst aktuell in meinem (evang.) Theologiestudium religionspädagogische Lehrveranstaltungen absolvieren müssen – sehr interessante, sehr anspruchsvolle und durchaus brauchbare – aber eben nicht das, was ich in meiner pädagogischen Ausbildung in den 1980er Jahren an der Pädagogischen Akademie des Bundes – heute Pädagogische Hochschule – Wien in zwei Jahren praxisbezogen parallel zu meiner Berufstätigkeit in der außerschulischen Jugendarbeit gelernt habe, und das bot nur einen kleinen Teil von den Tools, die man heute braucht, wo doch jede Lehrkraft in Konkurrenz zu den "geheimen Erziehern", den audiovisuellen Medien, unterrichten muss.

Ich denke, wenn die Dozentenschaft der Hochschulen und der Universitäten ihre Lehrangebote nach Kompetenz splitten und in Modulform anbieten, können die Studierenden selbst wählen, was sie wann absolvieren und wenn sie die nötige Summe an Modulen erworben haben, bekommen sie den jeweiligen akademischen Grad und können ihren Qualifizierungsweg selbstbestimmt wählen. Vermutlich bedeutete dies ein unbeliebtes finanzielles Risiko für die Anbieter der Module – aber warum sollten staatliche Einrichtungen gegenüber privaten noch mehr privilegiert sein, als sie es ohnedies schon sind? Nur Evaluationsbögen einzusammeln besagt ja noch lange nichts über die Unterrichtsqualität – die wesentlichen Fragen stehen nämlich gar nicht drin.

Frage:
Sie betonen immer wieder Selbstbestimmung – aber kritisieren Sie damit nicht auch das Bemühen, dass von politischer, ministerieller Seite mit Vereinheitlichung ja auch Sicherheit geboten werden soll?


Rotraud A. Perner:
Welche Sicherheit? Gleichschaltungen führen nicht zu mehr Sicherheit sondern verhindern notwendige Anpassungsprozesse. Ich bin eine Befürworterin von Dezentralisierung und Mitbestimmung. Jede einzelne Bildungseinrichtung sollte sich als "Lernende Organisation" in Dialog mit ihrer "Kundschaft" – das sind nicht nur die Schüler/innen sondern auch deren Eltern – begeben. In der Zeitung Der Standard gab es einmal eine Karikatur, auf der saß ein Schüler in der Bank und der Lehrer stand vor ihm mit einer Serviette über dem Arm und der Schüler sagte so in etwa: "Also ich hatte 1 x Geschichte, 4 x deutsch, 3 x Mathematik ..." Lehren ist ein hochqualifizierter Dienstleistungsberuf – auch wenn ihn viele als Erziehungscamp missverstehen.

Für mich setzt Selbstbestimmung Selbstbesinnung voraus. Dazu zählt für mich nicht die Auseinandersetzung nicht mit der Konkurrenz im PISA-Ranking, die primär Politikern mediale Aufmerksamkeit bringen, sondern die gemeinschaftliche Erforschung der psychosozialen wie der Umweltbedingungen der jeweiligen Schüler- wie Elternschaft; die dafür nötige Zeit gehört angeboten und bezahlt – nicht die für "mehr in der Klasse stehen", die nur noch mehr Übermüdung – bei Schülern wie Lehrern – und Motivationsverlust verursacht. Damit soll doch nur der Nachmittag in der Ganztagsschule gefüllt werden ... Ich habe in den von mir durchgeführten Schulstudien (nachzulesen in den Büchern "Mut zum Unterricht" und "Feindbild Lehrer?", beide aaptos Verlag) gemerkt, wie wenige Schulen dafür räumlich geeignet sind. Ich war in Konferenzzimmern, in denen so wenig Platz zum Durchgehen zwischen den Tischen besteht, dass Kinoreihen dagegen Alleen sind ... nicht jede hat einen Turnsaal oder Freiflächen, von Raum für Speiseentnahmen ganz zu schweigen. Natürlich gibt es auch andere, modern, in denen für das alles vorgesorgt ist – und genau diese werden Politikern vermutlich vorgeführt.

Und was mich besonders traurig macht, ist, dass Heinisch-Hosek, die ja auch Frauenministerin ist, mithilft, die Lehrergewerkschaft in den Medien als Betonierer zu diskriminieren. Die Gewerkschaft macht gute Gewerkschaftsarbeit, dafür ist sie da – und Lehrkräfte sind bekanntlich überwiegend Frauen. Der international renommierte deutsch-amerikanische und in Wien verstorbene Pädagogikprofessor Frederick Mayer sagte mir einmal, "Die österreichische Krankheit ist der Neid". Die heutigen Erwachsenen beneiden Lehrkräfte um eine Berufsbequemlichkeit, die es vielleicht noch in den 1970er Jahren gab – aber Mitte der 1980er schon nicht mehr. Das weiß ich als langjährige Supervisorin und Fortbildnerin von Lehrkräften in allen österreichischen Bundesländern.

Ein Bestseller-Titel aus dem Jahr 1984 lautete "Hören, was die Jungen sagen". Heute sollte es wohl umgekehrt heißen: Hören, was die Eltern sagen. Denn eine "lernende Organisation" muss vor allem eine hörende sein.



Dr.in Rotraud A. Perner (Jahrgang 1944, verwitwet, 2 Söhne, 2 Stiefsöhne, 1 Stieftochter) ist promovierte Juristin mit postgradualen Studien der Soziologie und (evang.) Theologie, zertifizierte Erwachsenenpädagogin, diplomierte Sozialtherapeutin sowie mehrfach ausgebildete Psychotherapeutin / Psychoanalytikerin und Gesundheitspsychologin. Neben der Leitung ihrer eigenen Institute und Praxen unterrichtet sie nach wie vor zu Fragen der Antidiskriminierung, Diversity, Gendersensibilität, Gesprächsführungstechniken, Gewaltprävention, PROvokativpädagogik, Salutogenese und Sexualität.

Mehr dazu unter www.perner.info, www.salutogenese.or.at