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Rotraud A. Perner

Wie Kinder Partnerschaft lernen

Einige konkrete Hinweise auf Grund konkreter Anfragen


Sich vertragen heißt Verträge abschließen.
Rotraud A. Perner, Schaff' Dir einen Friedensgeist (2002)



Ein vielgebrauchtes Schlagwort lautet „Schulpartnerschaft", und viele engagierte Lehrkräfte mühen sich redlich, bei Fehlverhalten auf kooperative Weise Verhaltensvereinbarungen zu treffen: sich vertragen - so formuliere ich gerne als (Ursprungsberuf!) Juristin - heißt Verträge abschließen.

Als ich aber Rechtswissenschaften studierte (1962 - 1966), galt dies nur im Geschäftsleben - und ein Großteil der juristischen Arbeit bestand darin, im Präventivsinn allerlei mögliche Konsequenzen bei allfälligen Vertragsbrüchen auszudenken. Potenzielle Rechtsbrecher sollten sich der Folgen solcher Risiken bewusst sein und die Sanktionen scheuen. Im Zuge der Diskussionen rund um die sogenannte Große Strafrechtsreform 1975 erwies sich die Tatsache, dass solch eine „Generalprävention" nicht den erwünschten Erfolg zeitigte. Was oktroyiert wird aber nicht der eigenen Einsicht von Sinnhaftigkeit entspricht, wird nicht befolgt sondern abgelehnt, umgangen, gebrochen.

Gleichzeitig entstanden in den 1970er Jahren reformpädagogische Ansätze wie die von den Lehrern Harald Picker und Max Kompein und dem Psychologen Dr. Klaus Rückert, alle drei Psychoanalytiker, entwickelte Psychoanalytische Sozialtherapie (in der auch ich ausgebildet bin). Lange bevor der Begriff der Mediation (von den USA, in denen „Deals" bei Rechtsstreitigkeiten und sogar in Strafverfahren Tradition haben) nach Österreich gelangte, hatten diese drei Pioniere einer gewaltverzichtenden Kinder- und Jugendarbeit eine höchst erfolgreiche Methode entwickelt, die unterschiedlichen Sichtweisen und Ziele von Lehrern / Erziehern einerseits, SchülerInnen andererseits und wiederum andererseits von Eltern in „Dialog" zu bringen und „auf Augenhöhe" zu einigen.

Das Geheimnis dieser Methode lautet: Respekt und Humor statt Machtgefälle und Aggression.

Über, vor oder mit dem Kind reden?

Üblicherweise bevorzugen Lehrkräfte das Vier-Augen-Gespräch mit einem Elternteil - mit beiden zu sprechen stellt dabei schon einen Fortschritt dar, vor allem weil sich ja beide Elternteile Zeit nehmen und damit ihr Engagement beweisen.

Vier-Augengespräche werden meist deshalb vorgezogen, weil man da nicht Gefahr läuft, durch ein unredliches Zeugnis belastet zu werden; wer Angst hat oder unbedingt seinen Willen durchsetzen will, neigt häufig zu Missverstehen, Uminterpretieren oder gezielter Verdrehung der Tatsachen. Wir stehen alle so sehr in der Gewohnheit fantasierter Kampfszenen - wir sehen sie ja andauernd in Film und Fernsehen - dass wir uns oft von vornherein attackiert fühlen wo „nur" nachgefragt wird. Man muss oft einen übertrieben naiven Ton anschlagen oder genau erklären, was man bezweckt bzw. nicht bezweckt, damit dieser fast schon paranoid zu nennende Automatismus nicht in Gang gesetzt wird. (Dies gehört übrigens bereits zu den Techniken der von mir entwickelten PROvokativmethodik / PROvokativpädagogik, die man ab Wintersemester 2014 wieder bei mir und meinem Ursprungsteam studieren kann.)

Im Vier- oder Sechs-Augen-Gespräch zwischen Lehrkraft und Eltern kommt „Schulautorität" zum Tragen (und wenn nicht, sind Lehrkräfte über die Unhöflichkeit oder Widerborstigkeit der Eltern entsetzt). Mehr oder weniger freundlich gibt die „übergeordnete Autorität" Empfehlungen, Anleitungen, Befehle oder auch Hinweise auf Negativkonsequenzen und überlässt es der so „in die Pflicht genommenen" Elternschaft, für die Durchsetzung ihrer Wünsche zu sorgen. Das entspricht dem Stil der 1950er bis 1970er Jahre.

 Was aber läuft ab, wenn der Nachwuchs bei solch einem Gespräch dabei ist (beispielsweise weil er oder sie nicht allein zu Hause sein soll)? Erfahrungsgemäß retten sich die jungen Leute vor Scham- oder Wutgefühlen in Totstellen, Pseudoüberheblichkeit oder Albernheit. Sie werden ja quasi wie eine nicht funktionierende Maschine begutachtet, bewertet und zur Reparatur empfohlen.

Scham- oder Wutgefühle entstehen aber oft auch bei den Elternpersonen, selbst wenn manche sie taktisch unterdrücken und scheinbar gleichmütig oder verständnisvoll akzeptierend hinnehmen, was sie oft nicht verstehen, nicht bewältigen, nicht die Zeit haben oder auch gar nicht die Offenheit für eine „mehrperspektivische Sicht". Die muss man nämlich erlernen und eintrainieren. Sie ist eine hochkomplexe Kulturleistung und kein genetisches Erbe.

Das Gefühl, nicht zu wissen, wie konkret man solch schwierige Gespräche führen sollte, löst aber auch bei der Lehrkraft ähnliche Gefühle aus - auch wenn sie oft nur als „unangenehm", d. h. nicht mit konkretem Bezug und Inhalt, wahrgenommen werden. Es gehört ja generell nicht zur österreichischen „diplomatischen" Art, die Betroffenen direkt anzusprechen. So werden aber Missverständnisse und Stille-Post-Effekte vorprogrammiert und außerdem wird die Chance vergeben Partnerschaft zu erleben und einzuüben.

Gesprächspartnerschaft mit Kindern

Konkret ist zu empfehlen, immer die Betroffenen einzubeziehen, egal wie alt, egal in welchem Zustand sie sind.

Voraussetzung dazu ist zuerst, dass man sich selbst in einem ausgeglichenen, wohlwollenden Zustand befindet. Das ist man meist dann nicht, wenn man sich nicht respektiert fühlt. Bei Lehrer- Eltern- Schülergesprächen trifft dies meist für alle drei Positionierten zu. Daher gilt es, sich in den Zustand der Wertschätzung zu versetzen - oder einen solchen zumindest zu imitieren - und zu versuchen, die Sichtweise der jeweils anderen Person in eine sachlich korrekte Sprachform zu „übersetzen". Das wird sprachmächtigen PädagogInnen eher gelingen als emotionalisierten Eltern und deren Kindern - außerdem kann man diese Sprachformen erlernen; man muss sie allerdings auch einüben, damit sie selbstverständlich werden - zu verbreitet sind die gegenteiligen verletzenden Umgangsformen (siehe mein Buch „Kaktusmenschen").

Es gehört seit einigen Jahren zu den Standards wertschätzender Gespräche, nicht distanziert „über" Anwesende zu sprechen sondern freundlich in direktem Augenkontakt - auch bei Kindern, Jugendlichen, aber auch Kranken oder sonst in irgendeiner Weise „nicht Gleichen" (falls es so etwas überhaupt gibt! Wir alle sind ja immer mehr oder weniger gesund, krank, kontrolliert, außer Fassung, unternehmungslustig, müde etc. ...).

Wenn man ein gleich-wertiges Gespräch unter gleichermaßen von einer Situation Betroffenen führt, wird die sozial schwächste Person motiviert, sich dieses demonstrierten Respekts würdig zu erweisen. Von dem berühmten Soziologen Norbert Elias stammt der Hinweis, man müsse jemand nur einen „schlechten Namen" geben und er würde sich dementsprechend verhalten (in „Etablierte und Außenseiter").

Also warum dann nicht umgekehrt?

Oft heißt es dann, Kinder sollten Kinder bleiben dürfen und nicht mit den Überlegungen bzw. Sorgen Erwachsener „belastet" werden. Es ist aber eine Illusion, dass Kinder nicht genau spürten, was „über ihnen hängt". Sie spüren genau, dass Erwachsene „etwas im Schilde führen", also eine Strategie verfolgen, und beginnen sich dagegen zu „wappnen" (die klügere Form) oder panisch auszuzucken (die weniger kluge Form). Von Sigmund Freud stammt die Bemerkung, auch wenn er seine Couch verhüllen würde, würde man dennoch die Umrisse erkennen. Also weg mit Camouflagen!

Es erfordert nur eine kindgerechte Sprache - also eine, die auf die „Entmündigung durch Experten" (so der Titel eines Buches des Gesellschaftskritikers und katholischen Priesters Ivan Illich) verzichtet - oder besser: menschengerechten Sprache; es hilft nicht, sich mit Dalken oder jugendlicher Pöbelsprache anzubiedern (oder jemand mit „Mutti" - übrigens: niemals „Vati"!) oder etwa gelegentlich in Spitälern mit „Mutterl" oder „Vaterl" zu infantilisieren - man bekommt dadurch nicht mehr Kooperation.

Kooperation gewinnt man durch partnerschaftliche Gespräche. Wer weder die zeit (noch das Geld) aufwenden möchte, um die Methode „Dialog" (nach Martin Buber und David Bohm, siehe auch das Buch „Die Psychologie des Dialogs" von Michael Benesch, in dem auch ein Beitrag von mir enthalten ist) zu lernen, kann sich an FernsehmoderatorInnen ein Beispiel nehmen insofern sie wirklich „moderieren" und nicht „aufheizen".

Kinder als Opfer von Angriffen

Zur üblichen Respektlosigkeit gehört aber auch das Befehligen von Kindern - ihnen also etwas anzuschaffen ohne Sinn und Zweck zu erklären. Dahinter steht das von mir so genannte „militärische Erziehungsmodell" (genau nachzulesen in meinem Buch „Der erschöpfte Mensch"): es stammt aus der Zeit Kaiserin Maria Theresias, als diese die allgemeine Unterrichtspflicht (nicht Schulpflicht - man darf auch alternativ unterrichten, nur die Prüfungen müssen vor staatlichen Organen abgelegt werden) einführte und mangels nicht-geistlicher Lehrkräfte - außer diesen gab es nur Privatlehrer für vermögende Adelige - ausgemusterte Militärangehörige einsetzte, die in ihrem gewohnten Exerzierstil unterrichteten. Der militärische Drill, der dazu diente, „blinden" Gehorsam zu bewerkstelligen - sonst wäre ja kaum ein Mann als „Kanonenfutter" dem Feind entgegen marschiert - bot dazu die geeignete Gehirnwäsche. Reste davon finden sich heute noch.

Wer selbst Gewalt erlebt hat, neigt dazu, diese in unveränderter Form weiterzugeben. Das zeigt sich in der Arbeit mit „störenden" Kindern: sie sind „verstört" (worden). Ein traumatisiertes Kind - und das ist nicht nur eines, dass z. B. Gewalt im Tschetschenienkrieg erlebt hat, es kann auch die triviale häusliche gewesen sein, und nicht nur Opferwerden sondern auch Zeugenschaft traumatisiert! - braucht seine gesamte Aufmerksamkeit um sich vor stetig drohenden Gewaltwiederholungen zu schützen. Deswegen ist es gerade bei diesen Kindern und ebenso Erwachsenen ganz wichtig, ihre körperliche wie auch psychischen Grenzen zu achten und dies auch sprachlich zu verdeutlichen.

Ich habe einmal miterlebt, wie in einem Großkaufhaus ein kleines farbiges Mädchen mit üppigem Krauskopf ihre nichtfarbige Mutter anweinte: „Warum greifen mir die Leute immer in die Haare? Ich mag das nicht!" Es ist ein Zeichen von Insensibilität und subtil gewalttätigem Draufgängertum, andere zu berühren ohne geklärt zu habe, ob die das wollen.

Es gibt etliche Studien über das „übergriffige" Berührungsverhalten als Test und Demonstration von Macht (beispielsweise „Körperstrategien" von Nancy Henley). Viele Menschen verteidigen sich, dies wäre doch eine „nur" eine Sympathiekundgebung. Ist es aber nicht - es ist ein Versuch, überfallsartig Nähe herzustellen und gleichzeitig Überlegenheit. Wo jeder Hund zu knurren anfänge, um sein Revier zu verdeutlichen und verteidigen, werden Kinder - vor allem Mädchen - dazu erzogen, „höflich" zu sein und keinen „Verdruss" zu machen. Höflichkeit beruht aber auf Hofetikette und an den Fürstenhöfen war sie oft Voraussetzung fürs Überleben.

Aus kriminalpsychologischen Studien ist bekannt, dass spätere Übergriffe unter anderem gezielt dadurch vorbereitet werden, dass man prüft, ob sich jemand gegen „spontane" Berührungen oder körperliche Einschränkungen wehrt. Das gleiche Verhalten spielt sich auch unbewusst ab - wie man es ja auch bei Tieren beobachten kann, die damit die „Hackordnung" festlegen.

In der Arbeit mit traumatisierten Kindern muss man immer damit rechnen, dass man durch derartiges „Angrenzen" an den Bereich der körperlichen Sicherheit zum Auslöser einer Retraumatisierung werden kann - und die kann wiederum als „Verhaltensauffälligkeit" bezeichnet werden; wir wissen selten, was ein Kind in seiner Biografie an psychosozialen, vor allem auch psychosexuellen Verletzungen erfahren hat.

Deswegen zitiere ich auch immer wieder, was Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollack (am 8. 11. 2903) geschrieben hat: „Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle."