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Rotraud A. Perner

Nicht Trotz – Verzweiflung

Eine Journalistin ruft mich an: Eine 12- oder 13jährige habe einen Streit mit ihrer Mutter gehabt, die habe ihr das Handy weggenommen und sei weg gegangen, darauf hin habe sich das Mädchen "aus Trotz" mit einem 20 cm langen Küchenmesser in den Bauch gestochen. Was ich dazu sage?

Ich sage, das Wort "Trotz" passt nicht. Das richtige Wort sei Verzweiflung.
Und ich erkläre: Es ist typisch und üblich, dass von Erwachsenen bei "Streit" in "Kampf-Kategorien" gedacht wird – sie denken, "Warum folgt das Kind nicht?", fühlen sich in ihrer elterlichen Autorität nicht respektiert, sind vielleicht darüber hinaus "nicht gut drauf", was bedeutet: gestresst, überarbeitet, von irgendwem anderen verletzt ... und wollen, dass zumindest daheim alles am Schnürchen läuft, und wollen sich "mit Gewalt" Gehorsam erzwingen. Sie denken, das stehe ihnen zu, das wäre ihr Elternrecht.

Aus der Sicht des Kindes lauten die inneren Gedanken: "Warum versteht sie / er mich nicht?" und "Warum merkt sie / er nicht, wie wichtig mir das ist?" – beispielsweise Kontakt zu den Gleichaltrigen zu pflegen und nicht das zu tun, was die Eltern gerade "anschaffen": lernen, für Mutter / Vater einkaufen gehen, im Haushalt helfen, auf kleinere Geschwister aufpassen ... alles Dinge, die nicht so anziehend sind wie mit den Freundinnen oder Freunden zu tratschen.

Dahinter verbirgt sich auch eine Art "geheimer Konkurrenz": Die Eltern erleben, wie ihr Nachwuchs erschöpft und müde aus der Schule heimkommt, plötzlich ein Anruf und die Kinder werden lebendig und munter. Verständlich – das Interesse der wichtigen Bezugspersonen gibt Kraft, die Befehle der Eltern (oder auch anderer Leute, die etwas von einem wollen) nimmt Kraft. Eine Postkarte fällt mir ein: Darauf sieht man einen Bären mit einer Sprechblase "Alle wollen nur mein Bestes – aber ich geb' es nicht her!" Die geheime Konkurrenz ist eine zweifache: Erstens zu erleben, dass jemand anderer wichtiger ist als man selbst und zweitens, dass dieser Jemand eine Kraftquelle ist und man selbst keine hat (denn selbst wenn Mutter keine Alleinerzieherin sein sollte, heißt das noch lange nicht, dass sie vom Partner Kraft gespendet bekommt!).

Kraft spenden sollte man sich in einer Familie gegenseitig – aber viele Menschen wissen gar nicht, wie das geht. Gelegentlich passiert es "von selbst" und dann wird genörgelt oder geklagt, wenn sich das nicht wiederholt – anstatt dass überlegt wird, was die Auslöser der guten Stimmung waren und wie man das wiederholen könnte: Es liegt an uns, ob wir uns für einen friedlichen oder für einen Kampfweg entscheiden – wir gestalten die Atmosphäre.

Drohen, Strafen, jemand einsperren oder überhaupt den Austausch mit anderen zu unterbinden, führt nur entweder zu Rückzug, Resignation, Depression und macht apathisch und krank, oder zu Verzweiflung und Aggression, was die gesündere (aber eben sozial unangenehmere) Reaktion darstellt. Neues Sozialverhalten lernt man dadurch nicht.

Sozialverhalten wird abgeschaut: Wir alle haben die Erfahrung, wie kleine Kinder ihre Bezugspersonen imitieren (und oft kann das recht peinlich sein!), und später werden die Leitpersonen in der Peer Group nachgeahmt oder Film- und Showgrößen. Statt sich an die eigene Jugend zu erinnern und die Geduld und das Verständnis aufzubringen, welches man braucht damit die Kommunikation nicht abreißt und das Kind sich heimlich ein anderes und meist gefährlicheres Umfeld sucht, glauben viele mit Spott und Demütigung und Strafen Folgsamkeit erzwingen zu können. Das entspricht der "Schwarzen Pädagogik" der Zeit bis 1970. Die Menschen, die so erzogen wurden, haben Diktatoren und Tyrannen gehorcht; es gibt sie noch immer – in der östlichen und südlichen Welt, und wohin das führt können wir tagtäglich aus der Medienberichterstattung erfahren.

Joachim Bauer, Neurobiologe, Internist, Psychiater und Psychotherapeut und Professor an der Universität Freiburg, hat das Buch "Schmerzgrenze" geschrieben. Darin zeigt er auf, dass Menschen, wenn ihr Schmerzzentrum im Gehirn überbeansprucht wird, gar nicht anders können als hoch aggressiv zu reagieren – es gehört zu ihrem Überlebensprogramm. Und: Diese Schmerzgrenze wird nicht nur bei körperlichen Verletzungen aktiviert (und hilft zu dem Zuwachs an Aggression, der hilft zu kämpfen oder zu flüchten) sondern gang genau so bei psychischen Verletzungen. Außerdem können, so schreibt Bauer, solche Aggressionsausbrüche auch mit Zeitverzögerung eintreten; das erklärt, weshalb oft scheinbar ohne Zusammenhang jemand plötzlich und unerklärlich attackiert wird.

Wir sollten daher unseren Gedankenschatz durch Erinnerungen aus eigener Kindheit und Jugend erweitern (was beispielsweise in einer tiefenpsychologischen oder humanistischen Therapieform geschieht): Dann wird meistens die Gedächtnisspur der Schmerzen bewusst – und dann sollte man den Gedanken wagen: "Was hätte ich damals gebraucht?" Ich vermute, wir alle würden antworten: jemand der uns versteht, uns beisteht und die Situation entkrampft.

So jemand bräuchten nicht nur die Kinder sondern meistens auch die Erwachsenen – oder sie müssten selbst lernen, wie man Konflikte "deeskaliert" (in Alltagssprache: "schrumpft").

 

 

"Salutogene Gesprächsführung"

Die Perner®-Methode zur Gesundheitsförderung mittels Sprache

Anrechenbar als erstes Modul der neuen Ausbildung
„HUMANISTISCHE BERATUNG – Dipl.-Lebens- und Sozialberatung“

Humanistische Beratung versteht sich als philosophisch-anthropologische Fundierung der von Dr.in Rotraud A. Perner – ehemals Prof.in für Prävention und Gesundheitskommunikation an der DUK – entwickelten Form von Lebens- und Sozialberatung mit besonderer Spezialisierung auf Fragen der Gewaltprävention, Sexualität und Gendersichtweisen.

Diese seit 1992 bewährte Aus-, Fort- und Weiterbildung ist in Hinblick auf Anrechenbarkeit für die von Dr.in Perner initiierten Masterstudien so weiter entwickelt, dass sie den Bologna-Kriterien entspricht.

Mehr Information auf www.salutogenese.or.at – Akademie für Salutogenese & Mesoziation® (ASM).

18.–21. April 2014
jeweils 09.15–18.30 Uhr; Ende Montag 16 Uhr

Literatur zur Vorbereitung wird bei verbindlicher Anmeldung bekanntgegeben

Information & Anmeldung: karin.eder@kecc.biz