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„Sex-Attacke von Schüler: Lehrerin klagt“

So lautete am 24. 3. die Schlagzeile auf Seite 11 in der Zeitung Österreich.

Was war geschehen? Weil er sich ungerecht behandelt gefühlt hatte, so erfährt die Leserschaft weiter, forderte der 18jährige in einer oberösterreichischen Handelsakademie vor versammelter Klasse die Lehrerin zum Sex auf (zum Oralsex, klärt Österreich dann einen Tag später auf, und auch, dass die Lehrkraft wenig Rückendeckung von Vorgesetzten und Kollegenschaft erhalten hatte) und dass ihr der Amtsarzt eine psychische Folgeerkrankung attestiert hatte.

Ein klassischer Machtkampf – und als Verliererin wird die Lehrkraft übrig bleiben, selbst wenn sie den Schadenersatzprozess gegen die Republik gewinnen sollte. Ich möchte jetzt nicht als Juristin zu der möglichen Verletzung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für die psychische Gesundheit seiner Mitarbeiterschaft Stellung nehmen, wie sie seit vorigem Jahr gesetzlich vorgeschrieben ist. Ich möchte als ehemalige Universitätsprofessorin für Prävention und Gesundheitskommunikation zeigen, welche anderen Möglichkeiten bestehen, als Empörung und Kampfverhalten.

In dem von mir konzipierten Masterstudium PROvokativpädagogik – das ab Wintersemester 2014 wieder und zwar an der Universität Graz angeboten wird! – und das auch teilweise in meiner Methode „Salutogene Gesprächsführung“ bzw. „Gesprächsmedizin“ enthalten ist, besteht die Auflösung „unmöglicher Situationen“ darin, dass man anders reagiert als erwartet: entweder fast kabarettistisch humorvoll oder sehr ernst – jedenfalls aber nicht empört oder strafend, denn dadurch schafft man nur Rachelüsterne oder Märtyrer. Mein Grundsatz dazu lautet: „Verhaltensoriginelle“ Schüler brauchen verhaltensoriginelle Lehrer!

Wäre die Lehrkraft PROvokativpädagogisch ausgebildet gewesen, hätte sie entweder ernsthaft seriös antworten können: „Diese verbale Entgleisung ist eines Handelsakademikers in der Maturaklasse unwürdig!“ oder sie hätte mit einem befremdeten Gesichtsausdruck sagen können „Du hast offensichtlich die Orientierung verloren: Wir sind hier nicht in einem Bordell sondern in einer Handelsakademie – ich mache mir große Sorgen, du solltest dich psychiatrisch anschauen lassen ...“ oder sie hätte mit dem Zeigefinger wackeln können „Schön sprechen!“ oder sie hätte kurz innehalten können, demonstrativ nachdenken und sagen „Will ich das?“ und dann so tun als würde sie einen Würgereiz bekommen und sagen „Nein, das will ich nicht!“ oder oder oder ... und das alles in freundlicher Souveränität, ohne jede Empörung oder Aggression oder auch Verlegenheit, denn auf jeden Fall ist es bei solchen Eröffnungszügen eines „Machtspiels“ – in diesem Fall dem des Schülers – aber solche gibt es ja auch in anderen Situationen! – wichtig, nicht mitzuspielen, denn genau diese Hilflosigkeits-Reaktionen auszulösen ist ja das Ziel – und das ist diesmal offenbar gelungen.

Wer sich klein gemacht fühlt, neigt dazu, entweder „die Fassung zu verlieren“ und derart „außer sich zu geraten“ oder sich zu einer übergeordneten Autorität zu flüchten, wie ein kleines Kind zu seinen Eltern rennt: „Die bösen Kinder haben mich gehaut!“. In beiden Fällen kann die andere Person triumphieren ...

„Ja aber ich gerate doch in Wut, wenn man mich so demütigt!“ werden jetzt viele denken, und „Das kann ich mir doch nicht gefallen lassen!“ Doch – es sich gefallen zu lassen ist unter vielen anderen auch eine Möglichkeit, wie man mit solchen Verbalattacken umgehen kann – man muss nur einen nachdenklichen Gesichtsausdruck machen und laut fragen „Will ich mir das gefallen lassen?“ und dann als nächsten Satz „Doch – es ist nicht wert, darauf einzugehen ...“ Wichtig ist ja vor allem, nicht mit Zorn oder Wut zu reagieren, denn in solchen Zuständen kann man erstens nicht vernünftig denken und zweitens verliert man unendlich viel Energie – man „dampft“ dann ja wie ein Druckkochtopf – und braucht oft etliche Tage, bis man sich wieder „gefasst“ hat.

Das Problem liegt darin, den anderen vernichten – zu „Nichts“ machen – zu wollen. Verständlich – das ist der archaische animalische Teil in uns, der sich da meldet. Aber wir sind – hoffentlich – zivilisierte MitteleuropäerInnen ... und als PädagogInnen sollten wir auch ein Beispiel für Gewaltverzicht vorleben – und das muss man erst lernen. Denn die Gewaltvorbilder sind überreich vorhanden: in den Medien, auf der Straße und leider auch daheim. Da nützen gesetzliche Verbote und Strafen nichts! Denn durch Strafe lernt man nichts – man lernt am Erfolg. In diesem Fall liegt der Erfolg darin, „das Gesicht nicht zu verlieren“ und „die Lacher auf die eigene Seite zu ziehen“.

Aber wie die Wut vermeiden? Sie bedeutet ja nichts anderes, als dass sich der Körper kampfbereit macht! Antwort: Nicht vermeiden, nicht unterdrücken, sondern im ganzen Körper verteilen – dann wird nämlich Kraft draus. Und das geht so: Wenn man spürt, wie der Adrenalinstoß die Energie vom Sonnengeflecht über den Brustkorb in den Kopf und die Oberarme treibt, langsam atmen und diese Aufladung langsam in die Unterarme fließen lassen, mit dem nächsten Atemzug auch vom Brustkorb hinab in die Beine, die Schultern sinken lassen und sich dabei sagen: Ich lasse mich nicht aus meiner Ruhe bringen!

Deswegen schreibe ich ja bei PROvokativpädagogik PRO groß: Weil es nicht um Reizen oder provozieren im Sinne von Cassius Clay im Boxring geht, sondern um ein prosoziales Verhalten, das die eigene Gesundheit bewahrt aber auch die der anderen.

Rotraud A. Perner